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Daniel Kendler

06.01.2013
17:52

Bischofshofen verlangt dir alles ab

von Daniel Kendler

Wer leidet mehr? Sieger Schlierenzauer oder der 0815-Familienvater?

Wie lange dauerte der Siegsprung von Gregor Schlierenzauer bei der Vierschanzentournee? Vom Zitterbalken bis zum Aufsprung vielleicht fünf Sekunden. Dann ist der sportliche Höhenflug wieder vorbei. Danach folgt Siegerehrung, ein emotionales und pyrotechnisches Feuerwerk und an der Schanze in Bischofshofen gehen wieder die Lichter aus.

Für dieses Spektakel betreiben nicht nur die Springer einen großen Aufwand. "Wir liefern die Show", betonen die ÖSV-Adler immer. Doch was wäre die Show ohne Publikum? Eben diese Männer, Frauen und Kinder, die in Bischofshofen im Regen stundenlang ausharrten, betreiben einen ähnlichen Aufwand.

"Letztes Jahr hats uns mit Schnee zugedeckt, dieses Jahr schwimmen wir fast davon. Was ist eigentlich nächstes Jahr?", fragt ein Familienvater seine Frau beim Anstehen in der Schlange. Sie antwortet nicht, die Karten müssen dem Security gezeigt werden, zudem steht der gemeinsame Sohn unter dauerhafter Beobachtung.

Dabei hat diese Familie den Spießrutenlauf durch Bischofshofen fast geschafft. Ertrinkt man nicht bei einem der vielen Glühweinständen und schafft man ohne eine Vier-Euro-Bosna den Aufstieg zur Paul-Ausserleitner-Schanze, steht man am Ziel aller Skisprungfanträume am Dreikönigstag. Mittendrin zwischen nassen Fahnen, lauten Tröten und Glühweinopfern.

Nach knapp zwei Durchgängen mit nassen Füßen und zerronnener Österreich-Schminke im Gesicht, blickt man hinauf. "Springer kommt", tönt es aus den Lautsprechern. Da sind sie wieder, die fünf Sekunden in denen Gregor Schlierenzauer zum Tourneesieg springt. Und dann sehe ich die Familie wieder jubeln. Der Sohn, weil er Schlierenzauer-Fan ist, die Mutter, weil es dem Sohn gefällt und der Papa, weil der ganze Trubel trotz Regen überlebt wurde und er noch nicht an die verkehrstechnisch problematische Abreise denkt. Jaja, so ein Gesamtsieg für die Ewigkeit von Schlierenzauer, der kann schon anstrengend sein. Vielleicht sollte man sich doch noch einen so verführerischen Glühwein gönnen?

 


  1. ist (schon immer) Redakteur von sport10.at

    studiert (noch immer) an der Uni Wien Medienwissenschaften.

    spielt letztklassigen Fußball ohne Erfolg und liebt es.

    findet, dass seine Heimat Ebensee unterschätzt wird.

    maturierte in der Tourismusschule, kann jedoch nicht kochen.

    hat zwei Schuldirektoren als Eltern, mag trotzdem keine Beistriche.

    ging am 29.12.11 Skispringen und hat es überlebt.

    singt sich in kleinen Bands die Seele aus dem Leib.

    ist Technik-Spielzeug-Freak.

    sah 3/4 seiner gelben Karten wegen Kritik.

    ist auf Twitter: Kendler (DK)